Nur mal so ganz einfach überlegt…

…wenn mir ein Mitmensch eine Begebenheit erzählen würde, die er kürzlich genau so (!) von einem Bekannten hörte, der sie wiederum von der Mutter seines besten Freundes genau so (!) erfahren hat, die ihrerseits diese Begebenheit auf dem Kaffee-Kränzchen des Damenkegelvereins „Gut Holz“ von ihrer besten Freundin genau so (!) mitgeteilt bekommen hatte…Würde ich beschwören, dass es sich genau so (!) zugetragen habe? Ich persönlich nicht (nunja, andere Zeitgenossen haben da keine Vorbehalte, aber das ist ein anderes Kapitel…)

And Now for Something Completely Different?

Vor etwa 2000 Jahren lebte ein Mann, der sich für seine Mitmenschen einsetzte, sie Regeln für ein respektvolles und geregeltes Miteinander lehrte, ihnen von einem jenseitigen Königreich erzählte, in welchem sie von all ihrer irdischen Mühsal befreit sein würden, der passiven Widerstand gegen die Besatzer seines Landes praktizierte und von seinen Anhängern als ihr „Messias“ betrachtet wurde.

Als dieser Mensch den Besatzern zu gefährlich wurde, entledigten sie sich seiner kurzerhand durch Kreuzigung…(man sagt, dass sie dies mit dem „Willen des Volkes“ legitimierten…)

Viele Jahre später (!) begann man, die Lebensgeschichte dieses Menschen aufzuschreiben…In einer Zeit lange vor der Epoche der Aufklärung, als man noch nicht wusste, wie Blitze, Stürme, Donner, eben ganz allgemein verschiedenste Naturphänomene zu erklären seien und diese daher einer höheren Macht zuschrieb…

Die Chronisten kannten den Mann, dessen Lebensgeschichte sie niederschrieben, natürlich nicht persönlich, aber sie hielten fest, was Menschen von anderen Menschen erfahren hatten, die es wiederum von Urenkeln der Anhänger dieses Mannes mitgeteilt bekamen…

Und die Chronisten schrieben und schrieben und es folgte Kapitel auf Kapitel (ich glaube ;-), man nennt das „Evangelien“) und irgendwann hatten sie alles aufgeschrieben. Dabei vergaßen sie natürlich nicht, das Ganze da und dort ein bisschen auszuschmücken, um die Lebensgeschichte dieses Mannes noch etwas interessanter und sich selbst noch einen Tick wichtiger zu machen…So ist das nun einmal, wenn Chronisten aufschreiben, was Menschen von anderen Menschen erfahren hatten…aber das hatten wir ja schon…

Diese Lebensgeschichte (und noch ein bisschen drumherum, beispielsweise wie die Erde, der Mond, die Sonne, Sterne, Pflanzen, Tiere und Menschen und überhaupt alles, was da kreucht und fleucht und blinkt und glänzt und sich um einander dreht, in das Universum gekommen seien) nannten spätere Generationen dann „Heilige Schrift“…Ich würde sagen: eine frühe Variante der Märchen der Gebrüder Grimm – wahrer Kern mit viel Volksdichtung.

Irgendwann und Jahre später, meinten -und meinen heute immer noch- bestimmte Exemplare des „Homo sapiens“ („Unterordnung der Trockennasenaffen“; nennen wir sie mal pauschal und der Einfachheit halber „Kleriker“), haargenau zu wissen, wie das, was in der „Heiligen Schrift“ geschrieben steht, unmissverständlich und ohne Widerworte zu verstehen sei.

Querdenker, die die „Heilige Schrift“ nicht genau so verstanden oder verstehen wollten, wie die Kleriker, wurden früher spornstreichs physisch eliminiert (vorzugsweise durch Verbrennen). Natürlich nicht ohne zuvor -zum Zwecke ihres Sinneswandels und der Wahrheitsfindung- einem Gerichtsverfahren („Inquisition“ genannt) unterzogen worden zu sein – göttliche Ordnung muss sein.

Manch Kleriker wird wohl bedauern, dass dieses probate Prozedere gerade heute und unter den gegenwärtigen Umständen nicht mehr (straflos) anwendbar ist…zumindest nicht mehr auf säkulare Mitglieder unserer Gesellschaft.

Ein paar (viele) Jahre später

Vor mehr als 60 Jahren machte sich ein Inder auf, den Besatzern seines Landes die Stirn zu bieten: durch passiven Widerstand, mit bedingungslos gewaltlosen Mitteln. Zusammen mit seinen Anhängern war er schließlich erfolgreich und ertrotzte die Unabhängigkeit seines Landes. Der Mann hieß Mohandas Karamchand Gandhi (genannt „Mahatma Gandhi“; Deutsch: „große Seele Gandhi“), hatte aber das „Pech“, in einer aufgeklärten Zeit mit Radio (Fernsehen war ein sehr junges und noch nicht in der Breite verfügbares Medium), Zeitung und objektiver, verifizierbarer Berichterstattung zu leben. Daher wurde er zwar von seinen Mitmenschen sehr verehrt, aber es reichte eben nicht zum Religionsstifter.

Fazit

Worauf begründet sich letztlich die „Heilige Schrift“? Auf Geschichten, die Chronisten vor vielen Jahren aufschrieben, die Menschen von anderen Menschen erfahren hatten…aber das hatten wir ja schon. Und darüber können sich mutmaßlich vernunftbegabte Menschen ernsthaft streiten (und früher sogar gegenseitig umbringen)? Werde ich nie verstehen, vielleicht bin ich einfach zu dumm dazu…

Glaub´s oder eben nicht…Ich für meinen Teil lese lieber die Märchen der Gebrüder Grimm.

„Vermutlich ist es auf der einen Seite die über Jahrhunderte hinweg eingeschliffene Macht der Gewohnheit, dass sich die Kirche mit Querdenkern so schwer tut, und auf der anderen Seite ihrer systematischen, bis in die frühe Neuzeit sehr erfolgreich durchgeführten Eliminierungspolitik zu verdanken, dass es in ihren Reihen kaum (bekennende) Querdenker gibt…Erinnert mich irgendwie an Champignons: wer seinen Kopf zu weit herausstreckt, riskiert eine Totalrasur ab Nackenwirbel aufwärts.“

One Reply to “Nur mal so ganz einfach überlegt…”

  1. Gott-Sei-Dank kann man an Gott glauben, ohne dabei ueber die Kirche (insbesondere die katholische) nachdenken zu muessen.
    Frei von irgendwelchen „Dogmen“ erschliesst sich mir der Glaube an „meinen“ Gott viel selbstverstaendlicher.

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